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26. März 2021

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26. März 2021

Nicht jedes Konzentrationsproblem ist gleich AD(H)S

Sind Kinder ungeduldig und unruhig und brauchen eine gefühlte Ewigkeit für die Hausaufgaben, steht schnell die Vermutung im Raum, dass sie unter AD(H)S leiden. Doch müssen sich Eltern, nur weil ihr Kind beim Lernen mal zappelig wird oder einen kleinen Bummelstreik einlegt, gleich Sorgen machen?

Es ist völlig normal, dass Kinder mal unruhig oder zappelig sind und sich in ihren Gedanken verlieren. Kinder können und wollen sich nicht stundenlang konzentrieren. Kinder haben einen stark ausgeprägten Bewegungsdrang, ihren eigenen Kopf mit eigenen Wünschen und Ideen.

Zudem brauchen sie – deutlich häufiger als Erwachsene – Pausen. Und zwar regelmäßig. Bleiben diese aus, schaltet ihr Gehirn zum Selbstschutz eigenmächtig in den Standby-Modus. Diese Pausen, von denen unsere Kinder nichts mitbekommen, führen oftmals zu Tagträumen. Entwicklungspsychologisch sind diese enorm wertvoll und spielen beispielsweise bei der Ausbildung der Kreativität eine wichtige Rolle.

Probleme mit der Konzentration bedeuten nicht gleich AD(H)S

Dass Kinder sich nicht zu jeder Zeit konzentrieren können, ist also absolut nichts Ungewöhnliches und erst recht kein Grund zur Sorge. Kinder sind nun mal Kinder! Oder anders formuliert: Nur weil ein Kind gelegentlich Problem mit der Konzentration hat, liegt nicht gleich eine Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)störung – kurz AD(H)S – vor.

Gegen alltägliche Konzentrationsprobleme, die sich bei den Hausaufgaben oder dem Lernen für eine Klassenarbeit bemerkbar machen, empfehlen wir wirksame Lern- und Konzentrationstechniken, die wir, die Akademie für Lernpädagogik, in unserem kostenlosen Online-Familienseminar Eltern und Ihren Kindern (3.-8. Klasse) Schritt für Schritt erklären. Durch gezielt ausgewählte Übungen, die sich spielend einfach in den Lernalltag integrieren lassen, gelingt es Kindern wieder den Fokus beim Lernen zu behalten.

Unter dem folgenden Link können Sie sich kostenlos für einen Termin anmelden: https://www.akademie-lernpaedagogik.de/familienseminar/

Sind Momente der Unruhe, Impulsivität und Unaufmerksamkeit allerdings die Regel, könnte tatsächlich ADHS bzw. ADS vorliegen.

Wissenschaftliche Debatte um AD(H)S 

Es ist wichtig zu wissen, dass AD(H)S unter Wissenschaftlern bereits seit vielen Jahren ein Streitthema darstellt. Vereinfacht gesagt, stehen sich zwei Positionen gegenüber: Die eine Seite hegt den Verdacht, bei AD(H)S handele es sich um eine medizinische Modeerscheinung und Ärzte würden Kinder zu oft und zu schnell für krank erklären.

So wies beispielsweise das fränkische Würzburg in einer Erhebung der Barmer Ersatzkasse aus dem Jahr 2013 überproportional viele AD(H)S-Diagnosen auf. Die Vermutung für den Befund: Die Universitätsmedizin in Würzburg mit ihrem ADHS-Schwerpunkt und die mit ihr vernetzten und dort ausgebildeten Kinderpsychiater seien für die überdurchschnittlich vielen Diagnosen verantwortlich. Es gebe in Würzburg also nicht mehr Kinder, die unter AD(H)S leiden, sondern nur mehr (vorschnelle) AD(H)S-Diagnosen.

Die andere Fraktion im wissenschaftlichen AD(H)S-Streit verweist hingegen auf die hohe Dunkelziffer und betont, dass das Leid der Betroffenen ernstgenommen werden müsse. Für ihre Position und gegen die These, AD(H)S sei lediglich eine Modeerscheinung, spricht, dass die Symptome bereits Mitte des 19. Jahrhunderts detailliert beschrieben wurden.

Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?

  Im weltberühmten Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ von 1844 werden ADS und ADHS in den Geschichten „Zappelphilipp“ und „Hans guck in die Luft“ äußerst anschaulich dargestellt. Bei einer Untersuchung des unruhigen und unaufmerksamen „Zappelphilipp“ kämen Ärzte heutzutage mit Sicherheit zur Diagnose ADHS; dem verträumten „Hans“ hingegen würde sie wohl ADS bescheinigen. Die Unterscheidung verdeutlicht: Das „H“ steht für die motorisch hyperaktive Ausprägung dieser Störungen.

Kinder, die ADS oder ADHS haben, verhalten sich anders als Gleichaltrige. Ihr Verhalten und ihre Unaufmerksamkeit gehen regelmäßig weit über das „Normale“ hinaus. Dadurch kann es zu Schwierigkeiten im Familienleben oder in der Schule kommen. In der Regel verlangt AD(H)S allen Beteiligten – den betroffenen Kindern, ihren Eltern und Lehrkräften – eine Menge Energie ab.

Ursache und Häufigkeit

 Die Ursachen und Entstehungsmechanismen der AD(H)S sind noch nicht vollständig geklärt. Forscher gehen heute davon aus, dass eine Vielzahl einzelner genetischer Einflussfaktoren mit anderen (Umwelt-)Faktoren, wie z.B. Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, zusammenwirken. Biochemisch spielen die Botenstoffe des Gehirns, sogenannte Neurotransmitter wie Dopamin oder Noradrenalin, eine entscheidende Rolle.

AD(H)S beginnt im Kindesalter: Rund 5 Prozent aller Kinder sind in Deutschland betroffen. Die Beschwerden können sich mit dem Älterwerden verringern oder verändern, sie verschwinden aber oft nicht ganz. Studien gehen davon aus, dass etwa 50 bis 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen auch als Erwachsene noch mit AD(H)S zu tun haben werden. Bei Jungen wird ADHS etwa viermal häufiger diagnostiziert als bei Mädchen.

Bei Mädchen äußert sich die Störung seltener durch Hyperaktivität und Aggressionen (ADHS) als vielmehr durch innere Unruhe, andauerndes Reden und durch starke emotionale Schwankungen. Mädchen sind häufiger Träumer (ADS) und leiden unter Vergesslichkeit, mangelnder Selbstorganisation, langsamem Arbeitstempo, niedrigem Selbstbewusstsein, Mut- und Ängstlichkeit.

Anhand der folgenden Symptome lässt sich ADHS bei Kindern erkennen bzw. feststellen.

Die drei Hauptkennzeichen von ADHS sind:

1. Unaufmerksamkeit: Betroffene Kinder lassen sich leicht ablenken, verlieren schneller als andere Kinder die Lust an einer Tätigkeit, sind häufig unkonzentriert oder können Erklärungen nur schwer folgen.

2. Unruhe: Kindern mit ADHS fällt es schwer stillzusitzen. Das kann unter anderem dazu führen, dass sie im Klassenzimmer einfach aufstehen oder über Stühle und Tische klettern.

3. Impulsivität: ADHS-Kinder (re-)agieren häufig unkontrolliert und sehr spontan. Sie platzen ständig mit der Antwort heraus, bevor die Frage beendet ist. Zudem fällt es ihnen schwer, sich an die in der Schule vereinbarten Regeln zu halten.

Wie wird eine AD(H)S festgestellt? 

Anlaufstellen für eine Untersuchung sind ärztliche oder psychotherapeutische Praxen. Zunächst findet ein ausführliches Gespräch (Anamnese) mit dem betroffenen Kind statt. Im Rahmen der Anamnese werden aktuelle Probleme in der Schule, Belastungen und einzelne Symptome genau erfragt. Auch die Lebensgeschichte und die Entwicklung der Probleme werden berücksichtigt. Dabei kann es sehr hilfreich sein, wenn ein Elternteil dabei ist, da dieses eine ergänzende Perspektive auf das Verhalten des Kindes beisteuern kann.

Im Anschluss an die Anamnese folgen körperliche Untersuchungen, um andere Erkrankungen auszuschließen. Häufig geben auch zusätzliche Tests zur Messung der Aufmerksamkeit oder Fragebögen weitere Hinweise. 

Wissenschaftliche Kriterien, um AH(H)S zu bestätigen:

– Eine Mindestanzahl von Anzeichen aus den Bereichen Unaufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität liegt vor. Diese dauern mindestens 6 Monate an. 

– Die Probleme begannen vor dem 7. Lebensjahr.

– Die Anzeichen zeigen sich bei Kindern in mehreren Situationen, also sowohl zu Hause als auch in der Schule.  

– Die Betroffenen leiden unter ihren Beschwerden oder sind dadurch im Alltag eingeschränkt. 

– Es gibt keine anderen seelischen Erkrankungen, die das Verhalten erklären. 

Von Markus Unckrich